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Warum wir mehr Wildnis brauchen – und nicht nur mehr Naturschutz

Naturschutz bedeutet für viele Menschen: Lebensräume schützen, seltene Arten bewahren, Wälder pflegen, Wiesen erhalten. All das ist wichtig. Doch es gibt eine weitere Form des Naturschutzes, die in Deutschland noch immer vergleichsweise wenig Raum bekommt: Wildnis.

Denn Natur zu schützen bedeutet nicht immer, sie zu gestalten. Manchmal bedeutet es auch, den Menschen zurückzunehmen und der Natur Raum zu geben. Raum, in dem Bäume wachsen, altern und fallen dürfen, in dem sich Tiere und Pflanzen ihren Lebensraum selbst suchen und in dem natürliche Prozesse wieder ihren eigenen Lauf nehmen.

Gerade weil wir Landschaften über Jahrhunderte geprägt und verändert haben, brauchen wir Orte, an denen die Natur nicht nach unseren Vorstellungen funktionieren muss. Wildnis bedeutet, der Natur zu vertrauen und ihr die Zeit und Freiheit zu geben, sich selbst zu entwickeln.

 

Naturschutz oder Wildnis – ist das nicht dasselbe?

Nicht ganz.

Beim klassischen Naturschutz geht es häufig darum, einen bestimmten Zustand zu erhalten. Eine artenreiche Wiese soll beispielsweise gemäht werden, damit sie ihren besonderen Charakter behält. Bestimmte Lebensräume werden gezielt gepflegt, Gehölze zurückgeschnitten oder invasive Arten entfernt.

Das kann sinnvoll und notwendig sein. Doch Wildnis folgt einem anderen Prinzip: Nicht der Mensch bestimmt, wie sich ein Lebensraum entwickeln soll. Die natürlichen Prozesse geben die Richtung vor.

Bäume dürfen wachsen, altern und umfallen. Totholz bleibt liegen. Lichtungen entstehen und verschwinden wieder. Pflanzen breiten sich aus, Tiere wandern ein oder ziehen weiter. Was heute noch wie ein junger Wald aussieht, kann in Jahrzehnten oder Jahrhunderten etwas völlig anderes sein.

Wildnis ist deshalb kein festgelegter Zustand. Wildnis ist Entwicklung.

Die Natur braucht nicht immer unsere Hilfe

Wir Menschen haben uns daran gewöhnt, Landschaft zu gestalten. Wir pflanzen Bäume, schneiden Hecken, mähen Wiesen und entfernen, was uns als „unordentlich“ erscheint.

Dabei ist gerade diese vermeintliche Unordnung ein wesentlicher Bestandteil lebendiger Natur.

In einem wilden Lebensraum gibt es keine Abteilung für Ordnung. Es gibt keinen Plan, der festlegt, welche Pflanze wo wachsen darf. Stattdessen entsteht ein komplexes Zusammenspiel aus unzähligen natürlichen Prozessen.

Was für uns chaotisch aussieht, kann für die Natur voller Möglichkeiten sein.

Ein umgestürzter Baum wird zum Lebensraum. Eine Lücke im Kronendach schafft Licht für neue Pflanzen. Verrottendes Holz wird zu Nährstoffen. Tiere verbreiten Samen. Wasser verändert den Boden. Generationen von Pflanzen und Tieren lösen einander ab.

Die Natur arbeitet nicht auf einen Endzustand hin. Sie verändert sich ständig.

Warum Wildnis für die Artenvielfalt wichtig ist

Diese natürlichen Veränderungen schaffen eine große Vielfalt an Lebensräumen. Und genau diese Vielfalt ist eine Grundlage für Biodiversität.

In einer Landschaft, die sich frei entwickeln darf, entstehen unterschiedliche Bedingungen: sonnige und schattige Bereiche, junge und alte Bäume, offene Flächen und dicht bewachsene Stellen, trockene und feuchte Lebensräume.

Damit entstehen Nischen für unterschiedlichste Arten.

Wildnis schützt deshalb nicht nur einzelne Tiere oder Pflanzen. Sie schützt die Prozesse, durch die immer wieder neue Lebensräume entstehen können.

Wildnis braucht Zeit

Ein weiterer Unterschied zum klassischen Naturschutz liegt in der Zeit. Ein Wald, der sich selbst überlassen wird, verändert sich nicht innerhalb weniger Jahre grundlegend. Wildnis ist langfristig. Sie braucht Geduld und die Bereitschaft, Entwicklungen nicht ständig kontrollieren zu wollen.

Das kann für uns Menschen ungewohnt sein. Wir denken häufig in Projektlaufzeiten, Jahreszielen und sichtbaren Ergebnissen. Die Natur denkt nicht in solchen Zeiträumen. Ein alter Baum kann Jahrzehnte brauchen, um seine ökologische Bedeutung zu entwickeln. Ein Wald kann Jahrhunderte brauchen, um verschiedene Entwicklungsphasen zu durchlaufen.

Wildnis bedeutet deshalb auch, Verantwortung für eine Zukunft zu übernehmen, die wir selbst vielleicht gar nicht mehr erleben werden.

Mehr Wildnis bedeutet nicht weniger Naturschutz

Es geht dabei nicht darum, Naturschutz und Wildnis gegeneinander auszuspielen. Beides wird gebraucht.

Viele wertvolle Landschaften sind erst durch jahrhundertelange menschliche Nutzung entstanden und benötigen weiterhin Pflege. Gleichzeitig brauchen wir mehr Orte, an denen natürliche Prozesse wieder Vorrang haben.

  • Orte, an denen wir nicht festlegen, was wachsen soll.
  • Orte, an denen ein Baum einfach alt werden darf.
  • Orte, an denen ein umgestürzter Stamm nicht beseitigt werden muss.
  • Orte, an denen Natur wieder ihre eigene Geschichte schreiben kann.

 

Raum für Wildnis schaffen

Genau hier setzen die Erdheilungsplätze an. Die Stiftung erwirbt Flächen, um sie dauerhaft aus der wirtschaftlichen Nutzung zu nehmen und der natürlichen Entwicklung zu überlassen.

Dabei geht es nicht darum, möglichst schnell ein bestimmtes Landschaftsbild herzustellen. Es geht darum, Raum für natürliche Prozesse zu schaffen und ihnen Zeit zu geben.

Jeder Erdheilungsplatz ist damit auch ein Experiment in Vertrauen: in die Fähigkeit der Natur, sich selbst zu entwickeln.

Und vielleicht ist das eine der wichtigsten Aufgaben des Naturschutzes unserer Zeit: nicht immer mehr zu tun, sondern an den richtigen Stellen weniger zu tun.

Eine Reise in die wilde Natur

Was genau passiert, wenn wir Natur sich selbst überlassen? Welche Rolle spielen dabei alte Bäume, Totholz, Pilze und natürliche Störungen? Und warum ist das, was für uns manchmal wie Chaos aussieht, für die Natur ein hochkomplexes System?

Diesen Fragen möchten wir in den kommenden Beiträgen nachgehen.

Denn manchmal beginnt Naturschutz genau dort, wo wir aufhören, alles kontrollieren zu wollen.