Warum natürliche Dynamik so wichtig für die Artenvielfalt ist
Wildnis ist ständig in Bewegung. Bäume wachsen und fallen, Lichtungen entstehen, Pflanzen breiten sich aus und Tiere erschließen neue Lebensräume. Was auf den ersten Blick wie ein unruhiges Durcheinander wirkt, ist die Grundlage für eine beeindruckende Vielfalt des Lebens.
Im dritten Teil unserer Reihe „Mehr Wildnis wagen“ geht es darum, warum natürliche Dynamik und Artenvielfalt eng miteinander verbunden sind und weshalb wir der Natur Raum für Veränderung geben sollten.
Vielfalt braucht unterschiedliche Lebensräume
Nicht jede Pflanze braucht die gleichen Bedingungen. Während manche Arten viel Licht benötigen, wachsen andere bevorzugt im Schatten. Einige Tiere sind auf alte Bäume angewiesen, andere finden in offenen Flächen oder dichtem Unterholz ihren Lebensraum.
In einer natürlichen Landschaft wechseln sich solche Bereiche ständig ab. Wo ein alter Baum umfällt, entsteht eine Lichtung. Auf freien Flächen wachsen neue Pflanzen, während sich an anderer Stelle dichter Wald entwickelt. Totholz bietet Lebensraum für Pilze und Insekten.
So entsteht ein abwechslungsreiches Mosaik unterschiedlicher Lebensräume. Und damit Platz für viele verschiedene Arten.
Veränderung schafft neue Möglichkeiten
In einer wilden Natur bleibt nichts dauerhaft gleich. Natürliche Ereignisse wie Sturm, Trockenheit oder Überschwemmungen können Landschaften verändern. Was zunächst wie eine Störung erscheint, eröffnet anderen Lebewesen neue Möglichkeiten.
Manche Pflanzen profitieren von freien Flächen, andere finden erst in späteren Entwicklungsphasen geeignete Bedingungen. Auch Tiere reagieren auf solche Veränderungen und passen ihre Lebensräume entsprechend an.
Artenvielfalt entsteht nicht trotz der Veränderung, sondern zu einem großen Teil durch sie.
Warum wir der Natur mehr Freiheit geben sollten
Wir Menschen versuchen häufig, Natur in einem bestimmten Zustand zu erhalten. Wir pflegen Landschaften, entfernen abgestorbene Bäume oder greifen ein, wenn sich Lebensräume verändern.
Das ist im Naturschutz durchaus sinnvoll und manchmal notwendig. Doch wenn wir ausschließlich bestimmte Zustände bewahren wollen, nehmen wir der Natur auch einen Teil ihrer eigenen Entwicklungsmöglichkeiten.
Wilde Lebensräume zeigen, dass Vielfalt nicht immer geplant werden muss. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel unzähliger natürlicher Prozesse.
Je mehr Raum wir diesen Prozessen geben, desto mehr Möglichkeiten entstehen für unterschiedliche Lebensformen.
Wildnis bewahren heißt Vielfalt ermöglichen
Bei den Erdheilungsplätzen möchten wir genau solche Räume schaffen. Flächen werden dauerhaft aus der wirtschaftlichen Nutzung genommen, damit sich die Natur möglichst frei entwickeln kann.
Wir legen nicht fest, welche Pflanzen dort in Zukunft wachsen oder welche Tiere sich ansiedeln sollen. Wir schaffen die Voraussetzungen dafür, dass sich vielfältige Lebensräume entwickeln können.
Denn Artenvielfalt bedeutet mehr als eine möglichst lange Liste verschiedener Tiere und Pflanzen. Sie lebt auch von den Beziehungen zwischen den Arten und den natürlichen Prozessen, die ihre Lebensräume immer wieder verändern.
Wildnis schützt deshalb nicht nur das Leben, das heute da ist. Sie ermöglicht auch das Leben, das morgen entstehen kann.
