Stimme der Natur in Erfurt – Regen ist Natur
Nach den Begegnungen in Mainz und Wiesbaden führte Tilos Weg weiter nach Thüringen.
In Erfurt, vor der Staatskanzlei am Hirschgarten, trafen Trommel und Natur auf einen Ort der Gelassenheit.
Hier entstand kein Konflikt, kein Widerstand – nur ein stilles Zusammenspiel von Klang, Wetter und Vertrauen.
Tilo trommelt vor deutschen Staatskanzleien. Im Auftaktartikel geht es darum, was ihn dabei antreibt: Trommeln für die Erde.
Regen ist Natur – von Tilo Hildebrandt
Der Beginn war gut. Die Sonne schien, es war hell und freundlich am Platz vor der Staatskanzlei mit dem großen Springbrunnen. Meine Trommel klang sehr gut und laut. Sie soll auch laut sein, denn manche Menschen können die Stimme der Natur nicht gut hören.
In unserer technischen Gesellschaft haben wir uns so weit von der Natur entfernt, dass wir sie sogar als Bedrohung empfinden. Wenn wir einen Fluss begradigen und eine Regenflut überschwemmt das Land, dann geht die Gefahr nicht von der Natur aus, sondern von den menschlichen Bauten. Aus einem Vulkan treten Lavaströme aus und die Naturgewalten begraben Bäume, Straßen und Häuser. Das ist schlimm, allerdings hätte die Natur keine Häuser dorthin gebaut.
Dabei gibt es in der Natur den besten Schutz. Beim sitting out bleibt man eine Nacht im Wald – allein setzt man sich der Wildnis aus. Mir ist dabei noch nie etwas Übles passiert. Trotzdem ist es für viele Menschen schwierig oder unmöglich, sich einfach der Natur hinzugeben und ihre Schönheit zu genießen. Draußen ist der Wald gar nicht so dunkel und es gibt keinen Grund zur Sorge, denn wir essen die Hirsche – nicht umgekehrt.
Also trommle ich laut über den großen Platz vor der Staatskanzlei, der „Hirschgarten“ heißt. Es kommt niemand aus dem Gebäude, um uns zu verscheuchen oder zu ermahnen. Die Thüringer sind offensichtlich sehr gelassen und tolerant.
Das Wetter ist dagegen unbeständiger. Nach einer Weile, ungefähr einer Stunde, beginnt es zu regnen und es steigert sich in einen Wolkenbruch. Das Wasser spritzt von der Trommel und so nach und nach gibt sie ihren guten Klang auf. Die Trommel im Regen wird dann schlaff wie eine Zeltplane. Es ist alles gut und ich packe meine Sachen.
Alles ist perfekt.
Reflexion
Erfurt war eine Station des Gleichgewichts. Hier begegneten sich Mensch, Trommel und Natur ohne Widerstand – als wüsste die Stadt selbst, dass es manchmal reicht, einfach zuzulassen.
Der Regen wird Teil des Geschehens, nicht Störung, sondern Mitspieler. Er verwandelt den Platz, das Trommeln, den Moment.
Tilo beschreibt ihn nicht als Hindernis, sondern als Vollendung: „Alles ist perfekt.“
In Erfurt wird spürbar, dass die Stimme der Natur weder laut noch kämpferisch sein muss. Sie zeigt sich, wenn wir uns öffnen – und sie bleibt, wenn wir still werden.
